Entwicklung des Standorts im 20. Jahrhundert

Flugplatz Karlshorst - Lageplan (Montage der Geschichtsfreunde Karlshorst)
Flugplatz Karlshorst - Lageplan (Montage der Geschichtsfreunde Karlshorst)

Der zuvor unbesiedelte Standort der heutigen Gartenstadt Karlshorst am östlichen Rand Karlshorsts wurde seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts jahrzehntelang militärisch genutzt. Ausgangspunkt der militärischen Nutzung war die Anlage eines Flugplatzes und mehrerer Flugzeughallen auf einer ursprünglich durch sandige Heide geprägten Fläche östlich des Gebiets während des 1. Weltkrieges. Teile dieser Anlage reichten seinerzeit in das heutige Plangebiet mit hinein.

Fliegerstation

Das Flugplatzgelände erstreckte sich nach Norden etwa bis zur heutigen Robert-Siewert-Straße, nach Süden bis zur heutigen Köpenicker Allee und nach Westen bis zur Neuwieder Straße.(1)

Drehbare Luftschiffhalle Biesdorf (Quelle: Landesbildarchiv)
Drehbare Luftschiffhalle Biesdorf (Quelle: Landesbildarchiv)

Östlich des Flugplatzes befand sich auf Biesdorfer Flur das Gelände der Luftschiffhalle. Hier hatte Wilhelm von Siemens auf eigenem Gelände 1907 mit dem Bau von Luftschiffen begonnen und diese auch zur Flugerprobung gebracht. In der Bevölkerung wird sowohl vom “Flugplatz Biesdorf” als auch vom “Flughafen Karlshorst” gesprochen.(2)
Speziell für den Flugplatz wurde 1917 eine eingleisige Industriebahn angelegt, die von Kaulsdorf im Nordosten bis zu einem Rampenanschluss auf dem Flugplatz in Höhe der Rheinsteinstraße verlief.
Von Zeitzeugen wird rückblickend geschildert: “Auf dem neuen Flugplatz entstand regstes Leben. Tag und Nacht rollten die Güterwagen über das Anschlussgleis zm Flugplatz. Es wurde soger der Einbau eines zweiten Gleispaares erwogen.”(3)
Für die auf dem Flugplatz später angesiedelten Gewerbe, die auch die Flugzeughallen nutzten, war der Reichsbahn-Tarif jedoch zu teuer. Deshalb wurden die untergenutzten Gleise Anfang der dreißiger Jahre entfernt.(4)

Drehbare Luftschiffhalle Biesdorf (Quelle: Landesbildarchiv)
Drehbare Luftschiffhalle Biesdorf (Quelle: Landesbildarchiv)

Folgenutzungsideen und Folgenutzungen für den Flugplatz
Gemäß Versailler Vertrag (1919) war Deutschland nach dem Krieg jegliche Flugzeugnutzung untersagt, was zur Folge hatte, dass das Gelände die folgenden Jahre ungenutzt brach lag.
Der Bezirk Lichtenberg plante Ende der zwanziger Jahre das 114 ha große Gelände des ehemaligen Flugplatzes zusammen mit angrenzenden Waldstücken, die insgesamt 78 ha umfassten, zu einer Grünanlage ausbauen. Es blieb jedoch im Wesentlichen bei den Plänen und nur bescheidenen Ansätzen.
Später entstanden auf dem ehemaligen Flugplatzgelände vor allem Bahnflächen, die Siedlung Biesenhorst und mehrere Kleingartenanlagen.(5)

Festungspionierschule

Festungspionierschule (Foto: BSM)
Festungspionierschule (Foto: BSM)

Infolge der intensiven Aufrüstungen der Nationalsozialisten reichten die vorhandenen Militärschulen und -akademien nicht aus. So wurde im Frühjahr 1936 auch in Karlshorst-Ost wieder an die militärische Nutzung angeknüpft und nördlich der Flugzeughallen mit dem Bau der Festungspionierschule der deutschen Wehrmacht begonnen.
Wie der Karlshorster Lokal-Anzeiger vom 13. Dezember 1937 berichtete, handelte es sich um einen der bedeutendsten Neubauten der Wehrmacht des Dritten Reiches in der Reichshauptstadt. Anstelle der Pionierschule in München wurden zwei neue Pionierschulen eingerichtet und Karlshorst als Standort der Pionierschule I bestimmt.
Bereits am 1. April 1937 wurde der Lehrbetrieb im großen Hörsaalgebäude an der Zwieseler Straße aufgenommen, noch vor der Fertigstellung anderer Räume und Gebäude. (6)

Historischer Lageplan der Festungspionierschule (Quelle: BSM)
Historischer Lageplan der Festungspionierschule (Quelle: BSM)

Die Planung für diese „Hochschule der Pioniere“ fiel sehr großzügig aus, zumal diese Schule auch die Aufgaben der ehemaligen Militärtechnischen Akademie übernahm und sie als „geistiger Mittelpunkt der Pionierwaffe“ gelten sollte. Geplant war deshalb auch die Einrichtung eines Museums der Pioniertruppen. (…) Insgesamt wurden fast zwanzig Gebäude errichtet; vier davon in strenger Symmetrie zum Hauptgebäude mit den Hörsälen und einer großen Aula. Schüler und Lehrer der Schule, die eine Mischung aus Hochschule und Kaserne darstellte, wohnten in getrennten Gebäuden auf dem weiträumigen Areal, auf dem sich weiterhin noch ein Sportplatz, eine Schwimmhalle im mittleren Bereich des Gebiets, eine Reithalle, eine Reitbahn und Kraftfahrzeughallen befanden. (6)

Offizierskasino (Quelle: Landesbildarchiv)
Offizierskasino (Quelle: Landesbildarchiv)

Den südwestlichen Abschluss der Bauten bildete das Kasino der Offiziere – das „Offiziersheim“ – in der Achse der Rheinsteinstraße. In diesem Kasino wurde am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht gegenüber den alliierten Streitkräften unterzeichnet. Somit wurde dieses Gebäude Teil der Weltgeschichte. Auch der Hochbunker im nördlichen Abschnitt der Zwieseler Straße gehörte zu der militärischen Anlage.

Offizierskasino wird zum “Deutsch-Russischen Museum”
Nachdem es 1967 als “Museum der bedingungslosen Kapitulation des faschistischen Deutschlands im Großen Vaterländischen Krieg” (ein “Kapitulationsmuseum”) zum 50. Jahrestag der Oktoberrevolution eröffnet wurde, ist aus dem ehemaligen Offizierskasino 1995 das Deutsch-Russische Museum geworden. Dieses Museum wird seither unter der Trägerschaft der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen Föderation geführt. Der thematische Rahmen der Expositionen wurde erweitert und präsentiert sich heute zeitgemäß (Link), indem in verstärktem Maße auf die gegenseitige Verständigung hingewirkt wird.

Bunker im nördlichen Teil der Zwieseler Straße (Foto: F+S | Jana Milosovicova)
Bunker im nördlichen Teil der Zwieseler Straße (Foto: F+S | Jana Milosovicova)

Nach dem 2. Weltkrieg wurde das gesamte Kasernengelände durch die Sowjetarmee, später auch durch den sowjetischen Geheimdienst (KGB) genutzt. Als Folgeerscheinung wurden große Bereiche des Ortsteiles Karlshorst abgesperrt, bis 1964 aber wieder sukzessive der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das markante Hauptgebäude im Zentrum des Ensembles diente dem KGB als Hauptzentrale im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands.
1993 erfolgte die Räumung des gesamten Kasernengeländes durch die GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten), der eine jahrelange Phase des Leerstandes folgte.(8)

Festungspionierschule als Denkmalensemble
„Die Gesamtanlage der ehemaligen Pionier-Offiziers-Schule an der Zwieseler Straße in Karlshorst ist eine der wenigen noch fast vollständig erhaltenen Militäranlagen der Deutschen Wehrmacht. Sie dokumentiert augenfällig die deutsche Geschichte der 30er und 40er Jahre, die hauptsächlich militärisch-kriegerisch geprägt war. Die sehr große Dimensionierung der Anlage lässt noch heute den großmannssüchtigen Geist der nationalsozialistischen Führung spüren. Offiziere und Unteroffiziere des Heeres und der Marine erhielten hier ihre Ausbildung im Festungsbau, 1942 wird sie auch in “Festungspionierschule” umbenannt.
Die Anlage ist nicht nur Denkmal für die Vorbereitung des Zweiten Weltkrieges, sondern auch für dessen Beendigung, denn von hier aus wurde die Eroberung Berlins von sowjetischer Seite aus organisiert. Geschichtlich und politisch brisant blieb die Anlage auch in der Nachkriegszeit als zweitgrößte KGB-Zentrale nach Moskau. Gerade im Zusammenhang der Gebäude wird auch heute noch der stets aufs Große hin angelegte nationalsozialistische Städtebau deutlich. Eine Ahnung davon, wie unsere Städte heute aussehen würden, wenn der Nationalsozialismus in Deutschland nicht vernichtet worden wäre, vermittelt sich hier anschaulich. Die Gesamtanlage der ehemaligen Pionier-Offiziers-Schule ist also aus geschichtlichen und städtebaulichen Gründen ein Denkmal, dessen Bedeutung weit über den Berlin-Karlshorster Raum hinausreicht.“ (Quelle: Denkmale des Monats bei www.berlin.de – PDF)

Hier gelangen Sie zur jüngsten Entwicklung des Standorts mit Informationen über:
> Städtebauliche Konzeptionen seit 1996
> Gartenstadtkonzeption und Leitlinien Klaus Theo Brenner Stadtarchitektur
> Entwicklung des Areals der Festungspionierschule


Weiterführende Informationen über die historische Entwicklung Karlshorsts mit den wichtigsten Eckdaten zur Geschichte des Ortsteils finden Sie hier (Bezirkswebsite).

Quellen:
(1) 100 Jahre Karlshorst. Streiflichter der Geschichte eines Berliner Ostteils. Goder, Ernst; Mende, Hans-Jürgen; Müller, Karl-Heinz. Edition Luisenstadt Berlin 1995, S. 26 und aus der Begründung zum B-Plan XVII-50aa, S. 8
(2) 100 Jahre Karlshorst. Streiflichter der Geschichte eines Berliner Ostteils. Goder, Ernst; Mende, Hans-Jürgen; Müller, Karl-Heinz. Edition Luisenstadt Berlin 1995, S. 26
(3) Vor den Toren Berlins – Friedrichsfelde-Karlshorst und Umgebung, 1. Folge, Herausg. im Auftr. AG f. Heimatkunde in Karlshorst, Berlin 1933, S. 154 und Maak, F. Kurze Geschichte von Friedrichsfelde und Karlshorst, Leipzig 1917 S. 155 in 100 Jahre Karlshorst. Streiflichter der Geschichte eines Berliner Ostteils. Goder, Ernst; Mende, Hans-Jürgen; Müller, Karl-Heinz. Edition Luisenstadt Berlin 1995, S. 26
(4) 100 Jahre Karlshorst. Streiflichter der Geschichte eines Berliner Ostteils. Goder, Ernst; Mende, Hans-Jürgen; Müller, Karl-Heinz. Edition Luisenstadt Berlin 1995, S. 26
(5) 100 Jahre Karlshorst. Streiflichter der Geschichte eines Berliner Ostteils. Goder, Ernst; Mende, Hans-Jürgen; Müller, Karl-Heinz. Edition Luisenstadt Berlin 1995, S. 26
(6) aus: Begründung zum Bebauungsplan XVII-50aa, S. 8
(7) aus: Begründung zum Bebauungsplan XVII-50aa“, S. 8
(8) 100 Jahre Karlshorst. Geschichte einer Villen- und Landhaussiedlung. Bezirksamt Lichtenberg von Berlin, Abteilung Bildung und Kultur. ba.bra Verlag 1995, S. 162-169